Jakob Müllenborn
Schreinermeister

Ateliermagazin in Kirschbaum und Linoleum
Ein Magazinmöbel für kreative Arbeit mit zentraler beweglicher Massivholzscheibe. Diese ist bildhauerisch ausgearbeitet.

Konzept
Ein funktionales und interaktives Möbel zu bauen,
welches sowohl nützliches Hilfsmittel im Arbeitsalltag
als auch ästhetisch ansprechendes und mit positiven
Emotionen aufgeladenes Wohnobjekt ist, lag mir als
konzeptionelles Ziel besonders am Herzen. Einerseits
soll es die kreative Arbeit durch viel Stauraum und
Sortiermöglichkeit erleichtern und somit regelmäßige
praktische Verwendung finden. Andererseits soll es
zugleich eine zentrale Rolle als Resonanzobjekt im
Wohnraum erfüllen, damit es am Feierabend und in der
Freizeit nicht unbeachtet in der Ecke steht.
Besonderer Wert liegt auf der spielerischen Interaktion
des Anwenders mit dem Möbel: Die Optik der
verwendeten Materialien soll erlebbar gemacht werden.
Auch ohne den Wink mit dem Zaunpfahl soll der
Nutzer automatisch und intuitiv an die richtigen Stellen
greifen, um die Funktionen nutzen zu können. So lädt
die strukturierte Massivholzscheibe auch ohne sichtbare
Griffe durch ihre einzigartige Haptik und Optik zum
Berühren ein. Die reliefartigen Furchen dienen zugleich
als Griff, um die innenliegende Trommel zu rotieren.
Desweiteren springen gleich die zwei kirschbaumfarbigen
Griffmuscheln in der homogenen, dunkelgrünen
Linoleumfläche ins Auge. Mit zwei Fingern Breite sind sie
gerade ausreichend groß genug, um Türen und Klappe
zu öffnen. Die herausnehmbaren Materialkästen weisen
ebenfalls dezente Löcher in ihren Fronten auf, in die zum
Herausziehen einfach hineingegriffen werden kann.
Es sollen also Sehsinn und Tastsinn angesprochen werden.
Das Möbel soll zudem einen starken Gegensatz zur gängigen Massenware darstellen und gleichzeitig einen Kompromiss zwischen alter Handwerkskunst, organischen Formen und modernen, klaren Linienformen finden. Haptik statt Glätte; Warme, natürliche Kontraste anstelle von Sterilität; nicht Zweidimensionalität dafür Dreidimensionalität; kühle neben warmen Materialien.
Werdegang
Jedem umgesetzten Möbelprojekt geht ein teils
aufwändiger Entwurfsprozess voraus. Gerade wenn
Funktion und Art des Möbels noch nicht in Stein
gemeißelt sind, wird die Findungsphase besonders lang. Bis
die Idee für GONDOLA Form annahm, hatte ich bereits
mehrere weit vorgeschrittene Ideen vollständig verworfen.
So landeten ein Phonomöbel, Sideboard, Säulenmöbel,
ein Möbel im Modulsystem und ein Raumteiler zerknüllt
im Papierkorb. Eine Idee, die sich allerdings konsequent
durch alle Möbelideen streckte, war der Wunsch, die
Holzoberfläche manuell auszuarbeiten, um eine lebendige
Oberfläche zu erschaffen.
Im Vorfeld führte ich zahlreiche Tests mit unterschiedlichsten
Materialien durch, um eine schöne Kombination zu
erzeugen. Durchgefärbtes MDF mit Holzdeckschicht
ausgefräst; gleicher Vorgang mit Corian als Kern; das
sogenannte Naguri-Pattern, welches freihändig mit einer
schwingenden Oberfräse erzeugt wird; ausgefräste
Konturen von Händen und Visualisierung von
Soundfrequenzen (Kymatik) sind ein paar zu nennende
Beispiele. Am Ende entschied ich mich dann für ein
freihändig ausgeführtes Relief in Massivholz. Dabei wird die
bildhauerische Arbeit mithilfe eines Kugelfräsers ausgeführt,
welcher auf einen Winkelschleifer montiert ist.
Viel wichtiger noch als optische Details ist natürlich die
Funktion des Möbels zu bestimmen. Besonders wichtig war
mir, dass das Möbel regelmäßige Verwendung findet, aber
auch als Raumobjekt zentral zum Alltag dazugehört und
nicht unegliebt in der Ecke verstaubt.
Lebendige Möbel sind solche, die eine zentrale Rolle
in unserem Alltag erfüllen und die unsere Zeit alleine
oder gemeinsam in einer positiven Weise bereichern.
Perfekt dafür eignen sich zum Beispiel Möbel für die
Küche oder den Arbeitsplatz. Beides Orte, an denen
man tendenziell viel Zeit verbringt. Nach einer Weile
kristallisierte sich erst der Arbeitsplatz, dann spezifischer
der Arbeitsplatz für kreative Arbeiten, daraus folgernd ein
Organisationshelfer für Besagtes heraus. Nun verblieb
die Frage der Gestaltung.
Zunächst experimentierte ich mit organischen Formen,
um einen Bezug zur Natur herzustellen, daraus
resultierten allerdings nicht zufriedenstellende, visuell
zu komplexe Strukturen. Also versuchte ich die Form auf
eine möglichst simple Geometrie zu beschränken. Lust
hatte ich auch auf ein drehbares Teil, beziehungsweise
ein Element, das Interaktion erfordert und die einzigartige
Haptik der Front erlebbar macht.
Ein Quadrat, ein Kreis und ein Rechteck brachte die Idee
aufs Papier. „Die besten Ideen sind schnell zu zeichnen”,
brachte mir mein Vater bei. Sofort hatte ich ein gutes Gefühl und begann das simple Äußere mit einem komplexen und verspielten Innenleben zu füllen.
Linoleum überzeugt durch seine einzigartigen
Oberflächeneigenschaften und die schöne, warme
Haptik, allerdings ist man durch das mangelhafte Angebot
an Farben sehr limitiert. Ich probierte verschiedene
Farbkombinationen aus, um unterschiedliche Wirkungen
zu erzeugen. Am Ende entschied ich mich für den schönen
Kontrast des gelb-rötlichen Kirschbaums und einem
dunkelgrünen Linoleum. Außerdem wollte ich die Mechanik
besonders betonen, weshalb ich mich für sichtbare
Messingbeschläge entschied. Die stählerne Grundplatte
der Spindel wollte ich eigentlich mit Messing galvanisieren
lassen, leider scheiterte dies bei diversen Betrieben
schlicht an der Mindermenge. Daher schwenkte ich auf
einen stark Messinghaltingen Effektlack um, der den
gewünschten Effekt ebenso erfüllt.



Beschreibung
Das Ateliermöbel GONDOLA funktioniert als interaktives Magazin und Organisationsmöbel für Ihre gestalterischen und künstlerischen Arbeiten. Ihnen als Nutzer wird dabei durch verschiedene Mechaniken das Sortieren und Aufbewahren von Pinseln, Stiften, Papier, Farben etc. ermöglicht. Kinderleicht, intuitiv und schnell lässt sich dabei Ihr Arbeitsplatz einrichten und anschließend wieder aufräumen.
Sofort besticht das Möbel durch seine einfache Geometrie und kontrastreiche Farbgebung. Ein niedriges Gestell mit in zwei Richtungen leicht geschwungenen Stollen trägt den quadratischen Korpus, welcher eine große runde Holzscheibe aus Kirschbaum in dessen Zentrum trägt.
In die Scheibe sind reliefartige Furchen manuell eingearbeitet. Diese verlaufen in eine Richtung, geschwungen und frei, wodurch sie an Wellen oder Dünen erinnern. Die organisch-freiförmigen Rillen wirken der klaren Linienform des Außenkorpus entgegen. Das rötlich-gelbe Kirschbaumholz steht im farblichen Kontrast zu dem mit dunkelgrünem Linoleum belegten Korpus und den Messing-Beschlägen. Durch grünliche Einschlüsse im Kirschbaum wird die Farbe des Linoleums aufgegriffen. Alle drei Materialien ergeben in ihrer Gesamtheit ein ausgewogenes und natürliches Bild. Die Außenmaße betragen 1120H x 920B x 450T (in mm).
Neben der Massivholzscheibe springen außerdem die beiden ausgefrästen Griffmuscheln im oberen Viertel des Möbels ins Auge, die sich genau an der Stoßkante zwischen der oberen Klappe und den beiden großen Türen befinden. Diese Position erlaubt es, mit nur zwei Fingern sowohl die Klappe als auch die Türen zu öffnen, da sich beide Funktionen den gleichen Griff teilen. Durch den Kontrast zum dunklen Linoleum weiß der Nutzer sofort Bescheid, wo er das Möbel zu öffnen hat. Die Türen schlagen auf Gehrung in den Korpus ein und werden magnetisch geschlossen gehalten.
Hinter den Türen verbirgt sich die symmetrische Facheinteilung. Dabei ist die Einteilung senkrecht in vier Teile gegliedert. Sowohl oben als auch unten befinden sich jeweils zwei englische Auszüge, die halbverdeckt gezinkt sind. Geführt werden sie über Unterflur-Auszüge aus Massivholz aus europäischer Wildbirne, ausgeführt als H-Führung. Das niedrige Vorderstück ermöglicht einen ungehinderten Einblick und leichten Zugriff auf den Inhalt.
Mittig können jeweils zwei abgerundete Kästen komplett herausgenommen werden. Diese laufen klassisch geführt auf Birnbaumleisten. Es sind im Grunde auf der Seite liegende Schubkästen mit gewölbtem Boden aus mit Kirschbaumfurnier belegtem Biegesperrholz. Der Nutzer kann die Kästen einzeln herausnehmen und mit der Rundung nach unten auf den Tisch stellen. Die beiden oberen Kästen dienen als Papierspender für verschiedene Papierstärken und Strukturen, je nach Anwendungsbereich. Eine sechs Millimeter starke, überfälzte Sperrholzplatte verschließt den Kasten mittels Magneten. In die Platte sind acht größere und vier kleinere Vertiefungen gefräst, die zum Anmischen von Farben genutzt werden sollen. Aufgrund der ölbehandelten Oberfläche und der abgerundeten Kanten lässt sich die Platte leicht reinigen. Die beiden unteren Kästen beinhalten jeweils eine Inneneinteilung für Pinsel. Steht der Kasten auf dem Tisch, können verschiedene Pinsel senkrecht in die Sperrholzplatte gesteckt werden. Dabei können die anderen Pinselfächer noch separat geöffnet werden.
Öffnet man die Türen, wird ersichtlich, dass hinter der Scheibe offensichtlich mehr dahintersteckt, da sich ein weiterer runder Korpus hinter der Scheibe im Inneren auftut. Zugriff auf den Inhalt erhält der Anwender allerdings nur über die L-Klappe im Deckel. Durch Aufklappen wird ein kurzer Schacht freigelegt, unter dem eine Gondel zum Vorschein kommt. Zwei Gasdruckfedern öffnen und schließen die Klappe sanft.
geschlossen

offen

Die Massivholzscheibe kann nun an den reliefartigen Furchen gegriffen werden und lässt sich im oder gegen den Uhrzeigersinn frei drehen. Ähnlich wie bei einem Riesenrad fährt die Gondel weiter und verschwindet
aus der Sicht, bis durch Einschnappen der magnetischen Rastfunktion die zweite Gondel unter den Schacht gefahren wird und nun den Zugriff erlaubt. Insgesamt sind sechs Gondeln in der Trommel verborgen, welche genügend Stauraum für allerhand Künstlerbedarf bieten. Der Schacht ist nur aufgesetzt, sodass dieser leicht nach oben herausgezogen werden kann. Dies erlaubt dem Anwender, die Gondeln herauszunehmen, um sie mit an den Arbeitsplatz zu nehmen oder einfach nur auszuwischen. Aufgrund der abgeflachten Vorder- und
Hinterstücke können die Gondeln problemlos abgestellt werden. Die formverleimte Seite hingegen sorgt dafür, dass sich hineingelegte Gegenstände automatisch zentrieren, damit die Gondel nicht kippt. Im Vorder- und Hinterstück befindet sich je eine senkrechte Taschenfräsung, über welche die Gondel auf Pilzzapfen zwischen den Drehscheiben aufgesteckt wird.
Die Gondeln hängen zwischen zwei Laufscheiben, welche wiederum durch Kugellager auf einer Stahlspindel aufgeschoben sind. Die Spindel ist mit einer runden, im Durchmesser 30cm großen Stahlplatte verschweißt, welche mit der starken Rückwand verschraubt ist. Um das Gewicht der Trommel vorne zu
unterstützen, ist links und rechts jeweils ein Auflager im bis jetzt freigebliebenen unteren Teil des Möbels verbaut. Da das Möbel frei im Raum stehen kann, ist die Rückseite der Stahlplatte mit einem stark messinghaltigen Effektlack beschichtet.
Das Kugellager wird von einem Gabelkopf gehalten, der über eine Gewindestange in einem Holz geführt ist. Seitlich im Holz kann die Höhe der Auflager über Madenschrauben in Eindrehmuttern stufenlos verstellt werden. So kann die Trommel wieder justiert werden. Die Kugellager laufen auf der vorderen Laufscheibe, in deren Stirnseite ein Falz mit Epoxidharz ausgegossen wurde, um die langfristige Lauffähigkeit zu gewährleisten und ein Einlaufen der Kugellager zu verhindern. Zwei magnethaftende Revisionsklappen versperren die Sicht auf
diese Mechanik.
Die Oberfläche des Möbels ist geschliffen und geölt. Zusammengefasst soll der Charakter dieses Möbels das
Zusammenspiel von Alt und Neu, von Natürlichkeit und Mensch- bzw. Handgemachtem einfangen. Es soll durch seine strukturierten Fronten zum Anfassen einladen und die schöne Haptik und Optik der verwendeten Materialien erlebbar machen.
BM-Fotos: Jochen Hempler, Ehningen
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